Henselmann-Kolloquium

Die Hyparschale von Magdeburg - gestern-heute-morgen

Dr. Rosemarie Hein eröffnete am 22. Februar 2011 als Vorstandsmitglied der Rosa Luxemburg Stiftung Sachsen-Anhalt gemeinsam mit Dr. Thomas Flierl das 6. Hermann-Henselmann-Kolloquium DIE HYPARSCHALE VON MAGDEBURG. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die 1969 von Ulrich Müther errichtete Hyparschale, deren Bedeutung und mögliche Nutzungsmöglichkeiten. Zahlreiche Interessierte waren der Einladung der Hermann-Henselmann-Stiftung gefolgt und nutzten die Möglichkeit mit den hochkarätigen Expert_innen ins Gespräch zu kommen. Leider verweigerten sich die eingeladenen Kommunalpolitiker_innen von SPD, CDU und FDP einem solchen Gespräch und glänzten durch Abwesenheit. Auch der Oberbürgermeister wollte sich einer Debatte nicht stellen und untersagte dies auch seinen Dezernenten. Er machte so diese Veranstaltung zu einem Wahlkampfthema. Die anwesenden Magdeburgerinnen und Magdeburger hatten kein Verständnis dafür.

Rosemarie Hein: Begrüßungsrede zum Kolloquium der Hermann-Henselmann-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 22.02.2011 in Magdeburg

„Für Zeitgenossen symbolisierten sie in ihrer Expressivität den Aufbruch in eine neue Zeit.“

So ist es im Einladungsflyer zur ersten Werkausstellung des Architekturforums Zürich über die Schalenbauten Ulrich Müthers zu lesen, die ziemlich genau vor zwei Jahren in Zürich stattfand.

Die Stadt Magdeburg verfügt noch über ein Original jenes Aufbruchs. Noch.

 

Verehrte Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde der Hyparschale und der Architektur und der Stadtgeschichte Magdeburgs

namens der Rosa-Luxemburg-Stiftung begrüße ich sie zu diesem Kolloquium ganz herzlich.

 

Als vor einigen Monaten die Hermann-Henselmann-Stiftung an die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt mit der Idee eines solchen Kolloquiums herangetreten ist, haben wir dieses Angebot gerne aufgenommen. Die Hyparschale gehört zu den Bauten der Stadt mit denen sich für viele Magdeburger und Magdeburgerinnen nachhaltige Erinnerungen verknüpfen und es sind nicht wenige, die den baulichen Verfall in den letzten Jahren mit großer Sorge betrachteten und bedauerten.

Als sogenannte Zugezogene war die Hyparschale für mich eine nicht wegzudenkende Adresse des kulturellen Lebens der Stadt. Die Hyparschale mit den angrenzenden Messehallen war einer ihrer zentralen Veranstaltungsorte.

Nach der Wende schien sie für die neuen Größenordnungen zu klein geworden. Neues musste her. Für die Hyparschale gab es scheinbar keine Verwendung mehr, und obwohl in der Nachwendezeit in Magdeburg Vieles und auch Großes gebaut wurde, fühlte sich die Stadt kaum noch in der Lage, dieses Bauwerk zu erhalten. Und so verfiel es.

Mit den zunehmend knappen Kassen wurde es aber auch, als sich die Haltung zum Objekt wieder zu wandeln begann, immer schwieriger, für die Sicherung und noch mehr für die Nutzung des Baus zu sorgen. Der Denkmalschutz hat vielleicht verhindert, dass einfach vollendete Tatsachen geschaffen wurden.

Nun ist Hoffnung in Sicht. Schon die Ankündigung des Kolloquiums hat bewirkt, dass offensichtlich nun zielführender nach Lösungen gesucht wird. Das ist gut so.

Nicht gut ist, dass das Ringen um den Erhalt der Hyparschale nun offensichtlich, aber nicht von den Veranstalterinnen, zum Wahlkampfthema gemacht wird, dabei geht es hier um ein kulturhistorisches Thema der Stadt und um ein kommunalpolitisches allenfalls, denn der Erhalt der Magdeburger Hyparschale ist seit Jahren ein Thema im Stadtrat über Fraktionsgrenzen hinweg. Schon der Einladung zu diesem Kolloquium ist zu entnehmen, dass dies von den Veranstaltern nicht als Wahlkampfthema benutzt wird und wir sollten und heute auch nicht dazu hinreißen lassen, eine solche Intention zu bedienen. Eines muss eingangs aber gesagt werden: Es waren alle Stadtratsfraktionen und die Stadtverwaltung eingeladen. Die meisten haben abgesagt. Schon die Teilnahme am Kolloquium gilt offensichtlich für einige als Frevel. Ich finde das höchst bedauerlich. Aber wer hier absagt, nur weil er oder sie Wahlkampf vermutet, disqualifiziert sich selber. An dieser Stelle darum dazu nicht mehr…

 

Dieses Kolloquium kann dazu beitragen, die Besonderheit dieses Magdeburger Bauwerkes herauszustellen, seines kulturellen und baugeschichtlichen Werts.

„Mit seinen faszinierend leichten Schalen hat der ostdeutsche Ingenieur Ulrich Müther … ein wichtiges Kapitel in der europäischen Geschichte des Schalenbaus geschrieben“, so noch einmal ein Zitat aus dem Ausstellungsflyer des Architekturforums Zürich aus dem Jahre 2009.

Manchmal gilt eben der Prophet im eigenen Lande wenig. Darum ist der Initiative der Hermann-Henselmann-Stiftung besonders zu danken.

 

Magdeburg hat allen Grund, seine Baugeschichte in guter Erinnerung zu behalten, und es ist auch ein guter Ort, um moderne Baugeschichte zu schreiben.

Der Magdeburger Dom ist das älteste gotische Bauwerk auf deutschem Boden. Also Neuerung auch hier vor 800 Jahren. Die bautechnische Neuerung gotischer Baukunst bestand bekanntlich in der besonderen Weise der Einwölbung von Kirchendächern – eine schöne Parallele zur fast 800 Jahre später entwickelten Schalenkonstruktion Müthers.

Doch auch etwa 700 Jahre nach dem Dombau hat das zeitgenössische Bauen in Magdeburg eine Tradition. Bruno Taut, Johannes Göderitz und Carl Krayl haben nicht nur die Wohnarchitektur der Stadt geprägt, sondern waren auch Vorreiter eines funktionsgerechten, menschbezogenen Städtebaus, der bis in die Gegenwart Maßstäbe setzt. Die Gartenstadt Reform geht auf ihr Wirken zurück und die vielen Wohnquartiere in der Bauhaustradition.

Die Stadthalle Magdeburg, in der wir heute tagen, die aus dem Rothehornpark nicht mehr wegzudenken ist, gehört ebenso zum Wirken der Architekten in dieser Zeit wie die Hermann-Gieseler-Halle, die jahrzehntelang dem Handball ein Zuhause bot, oder der Turm hier gleich nebenan. Fahren Sie unbedingt hoch, besser aber im Frühling. Sie haben eine grandiose Aussicht auf eine grüne Stadt.

 

Allerdings hätte das alles wohl nicht stattfinden können, hätte es da nicht ein aufgeschlossenes Stadtoberhaupt gegeben, den sozialdamokratischen Bürgermeister Hermann Beims. Eine der Wohnsiedlungen der Stadt trägt darum zu Recht seinen Namen. Ich wünschte mir, der heutige sozialdemokratische Oberbürgermeister besäße die gleiche Größe und Weitsicht.

Größe und Weitsicht sind in der Politik aber bei weitem nicht selbstverständlich. Immer wieder gab es ideologisch motivierte Versuche der Entsorgung von Geschichte durch die Entsorgung seiner baulichen Zeugnisse. Die Sprengung von acht Kirchenruinen in den fünfziger Jahren, darunter der Ulrichskirche, gehört ebenso dazu wie der in Berlin nun vollendete Abriss des Palastes der Republik.

Es ist Kulturfrevel, gleich mit welcher politisch motivierten Begründung er betrieben wird. Darum ist es nicht verwunderlich, dass mit dem Versuch einer Widergutmachung nun der Wideraufbau der Ulrichskirche eingefordert wird. Aber Geschichte lässt sich nicht einfach zurück holen. Der Palast der Republik nicht, das durch den Krieg verlorene barocke Stadtbild Magdeburgs nicht und die Ulrichskirche?

 

Die Erfolgsgeschichte des Wiederaufbaus der Dresdener Frauenkirche – die im Übrigen auch durch die als Mahnmal verstandene Ruine im Gedächtnis der Dresdener Bevölkerung immer präsent war – hat Begehrlichkeiten geweckt, für die ich Verständnis habe. Doch das Neue wird niemals das Alte sein. Das zeigt auch der Aufbau der Paulinums in Leipzig.

 

Der Bürgerentscheid am 20. März dieses Jahres wird erweisen, ob es nach wie vor eine so starke Identifikation der Einwohner der Stadt Magdeburg gibt, die es rechtfertigt, diese Kirche im Zentrum der Stadt mit der entsprechenden Dominanz wieder erstehen zu lassen.

 

Die innovative Magdeburger Architekturtradition setzt sich auch nach der Wende fort, auch wenn sie erst noch zur Tradition werden muss. So beherbergt der Elbauenpark den größten Holzturm der Welt.

Bei der Experimentellen Fabrik entsprechen Form und Inhalt einander in faszinierender Weise: Der Name ist hier inhaltliches Programm. Die Form hat den Architekten einen englischen Architekturpreis eingebracht.

 

Nicht alles finde ich gleichermaßen gelungen. So ist das heutige Stadtzentrum von eigentümlich anmutenden Gegensätzen geprägt. Auf dem Breiten Weg etwa, wo der protzige hochmoderne Bau der Nord-LB einen bezeichnenden Kontrast zum verspielten Hundertwasserhaus bildet.

Ob die drei Einkaufstempel auf der Ernst-Reuter-Allee in der breiten Schneise zwischen den Wohnbauten im sogenannten sozialistischen Klassizismus geeignet sind, die Magdeburger Architekturtradition fortzusetzen, würde ich aus heutiger Sicht bezweifeln. Immerhin fügen sie sich besser zueinander als das Architektursammelsuruim auf dem Breiten Weg.

 

Eine Stadt entsteht eben nicht allein aus attraktiven Einzelbauten, sondern durch ein baulich durchdachtes Zusammenspiel urbaner Strukturen. Was da möglich schien und auch möglich ist zwischen Vision und Realität, wird uns der Film von Maix Mayer heute Abend zeigen.

 

Magdeburger Architektur ist über Jahrhunderte hinweg weit über die Grenzen der Stadt bekannt. Es wird Zeit, dass die Propheten auch im eigenen Lande mehr geschätzt und gewürdigt werden. Dieses Kolloquium kann dazu einen guten Beitrag leisten, ich freue mich auf neue Einsichten und Anregungen, ich wünsche der Veranstaltung einen guten Verlauf und der Hyparschale den Erhalt und eine neue, der großartigen Architektur angemessene Nutzung.