Bildungstour durch Rheinland-Pfalz
15. Januar 2011

Linke Bildungstour in Rheinland-Pfalz, Fazit

Wie geht es weiter in der Bildungspolitik, zum Beispiel in Rheinland-Pfalz. Das wollten die Bundestagsabgeordneten, Katrin Senger Schäfer, Agnes Alpers und Dr. Rosemarie Hein erfahren.

Dazu besuchten sie an drei Tagen im Januar verschiedene Einrichtungen in Mainz, Speyer und Ludwigshafen.  Es ging um das Zusammenspiel von Bund, Land und Kommunen und bildungspolitischen Belangen. Überall wurden sie freundlich empfangen und kamen mit ihren GastgeberInnen – manchmal nach anfänglicher Skepsis – sehr schnell zu einem interessanten Gedankenaustausch. Oft war die Zeit zu knapp um in die Tiefe zu gehen, darum haben sie versprochen: Wir kommen wieder.

Zu einem zentralen Thema wurde die neu eingeführte Realschule Plus und ihr möglicher Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit beim Bildungszugang und zu besseren Bildungsergebnissen sowie beim Übergang in den Beruf. Das neue Schulmodell soll Hauptschule und Realschule zusammenführen und im günstigen Fall auf direktem Weg zur Fachhochschulreife führen. Aber auch der Übergang zum Abitur ist möglich. Neue Wahlpflichtfächer sollen auf die nachfolgenden beruflichen Schulen vorbereiten. Dennoch blieb bei den Abgeordneten die Skepsis, dass unter der neuen Schulform – wenn auch in abgemilderter Form, die Probleme des alten gegliederten Schulsystems fortleben. Der Übergang in den Beruf wird eben besonders für jene Schülerinnen und Schüler, die am Ende nur zur Berufsreife – das entspricht dem Hauptschulabschluss – geführt werden, besonders schwierig.

Ein besonders großes Problembewusstsein für diesen Umstand fanden die GesprächsteilnehmerInnen bei einem „Jobfux“ in Mainz, einer Mainzer Initiative mit einem Jahrzehnt Erfahrung, an die sich das Berufseinstiegsbegleiterporgamm des Bundes offensichtlich  anlehnt. Die Bilanz der drei Mainzer „Jobfüxe“ ist beachtlich, aber gebraucht würde einer an jeder Schule. Gleichzeitig machte der „Jobfux“, der nicht nur bei der Ausbildungsplatzsuche weiterhilft, sondern den SchülerInnen in allen Lebenslagen zur Seite steht, deutlich, dass nur 10 Prozent der Hauptschulabsolventen tatsächlich einen Ausbildungsplatz finden würden. Von 112 SchülerInnen konnte er 19 einen Ausbildungsplatz vermitteln. Dies sei ein sehr gutes Ergebnis gewesen. Andere gingen auf die Berufsfachschule, fielen so aus der Ausbildungsstatistik heraus und kämen durch die plötzliche Anhebung des Leistungsniveaus trotzdem nicht zur Mittleren Reife.

Gut ist Mainz bei der Kinderbetreuung. Das erfuhren die Abgeordneten in einem Gespräch mit einem Vertreter der Stadtverwaltung in der örtlichen Volkshochschule.  Von 99 Kitas ist fast die Hälfte in kommunaler Hand. Einen Rechtsanspruch gibt es in Rheinland-Pfalz heute schon vom 2. Lebensjahr an, kostenfrei. Der Anteil der Ganztagsbetreuung ist in Mainz mit 60% beeindruckend.  Da ist die Landeshauptstadtwohl Vorreiter in Rheinland-Pfalz. Aber dafür braucht man mehr ErzieherInnen und Erzieher. Gesprächsgegenstand am folgenden Tag in einer Beruflichen Schule, die in Vollzeitform und berufsbegleitend ErzieherInnen ausbildet. Man könne noch mehr ausbilden, doch die Räume dafür reichen nicht aus. Offensichtlich gibt es inzwischen eine Reihe privater Schulen, die für den Erziehungsberuf ausbilden, nur muss man hier viel Schulgeld zahlen. In Mainz sind weitere kommunale Schulen geplant. Aber wer bezahlt das alles? Hier könnte ein Programm des Bundes helfen. Einen entsprechenden Antrag hat DIE LINKE im letzten Sommer gestellt.

Die Volkshochschule der Stadt Mainz hat sich – als eingetragener Verein – vor allem der Sprachausbildung  und der künstlerischen Bildung verschrieben. In einem anregenden Gespräch mit Mitgliedern des Migrationsbeirates und Lehrkräften der VHS war zu erfahren, dass die Bezahlung der Sprachkurse zur Integration durch die Bundesanstalt für Arbeit bis zu 6 Monate dauert – ein unhaltbarer Zustand!

Insgesamt gab es in drei Tagen zahlreiche Erkenntnisse, die den bildungspolitischen Blick der Linksfraktion schärfen werden.

13. Januar 2011

Linke Bildungstour in Rheinland-Pfalz, Teil 1

Alle bildungspolitischen Studien und Befunde der letzten Zeit belegen wieder sehr deutlich: Deutschland ist in der Bildungspolitik ein Entwicklungsland. Das gegenwärtige Bildungssystem ermöglicht keine gleichberechtigte Teilhabe, es spaltet. In keinem anderen Land hängt der Bildungserfolg der Kinder nach wie vor so sehr vom Geldbeutel der Eltern ab wie in Deutschland. Was tut die Bundesregierung dagegen? Sie legt eine Vielzahl von Hilfsprogrammen auf, von denen sie sich Verbesserungen in den wichtigsten Bereichen versprechen. DIE LINKE lehnt dieses Flickwerk ab und hat eigene Vorschläge unterbreitet. Die schwarz-gelben Programme werden aus unserer Sicht den Praxistest nicht einen Tag bestehen.  

Grund genug also, sich vor Ort über die jüngsten bildungspolitischen Entwicklungen zu informieren.  Auf Einladung der rheinland-pfälzischen Bundestagsabgeordneten, Kathrin Senger-Schäfer, befinden sich die linken Bildungspolitikerinnen, Agnes Alpers und Dr. Rosemarie Hein, vom 12. bis zum 14. Januar auf Bildungstour in Rheinland-Pfalz und besuchen verschiedene Einrichtungen und Institutionen. Der erste Tag stand ganz im Zeichen der Realschule Plus. Die Abgeordneten informierten sich am Morgen in einer solchen Schule über das Für und Wider dieser neuen Schulform. Am Nachmittag vermittelten die Mitarbeiter der Hausaufgabenbetreuung in Ludwigshafen anschaulich,  mit welchen sozialen Problemen sie sich täglich in ihrem Stadtteil auseinandersetzen müssen. Anschließend befassten sie sich bei einem Informationsgespräch im Pädagogischen Landesinstitut u.a. mit Fragen des Praxistages in der Realschule Plus und der notwendigen Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern für diese Schulform. Als Abschluss des ersten Tages stand eine Podiumsveranstaltung zu neueren Entwicklungen im Bildungssystem der Bundesrepublik und den Vorhaben der Linksfraktion im Bundestag auf dem Programm.

13. Januar 2011

Die Bundestagsabgeordneten und Mitglieder des für Bildungsfragen zuständigen Ausschusses im Bundestag, Agnes Alpers und Dr. Rosemarie Hein, sind mit ihrer Rheinland-Pfälzer Kollegin Kathrin Senger-Schäfer drei Tage auf Bildungstour in Rheinland-Pfalz

Ziel ihrer zahlreichen Gespräche in Bildungseinrichtungen und Institutionen ist es, Fragen der Entwicklung des bundesdeutschen Schulsystems vor Ort zu diskutieren und mehr über die Wirkung bundespolitischer Entscheidungen in den Ländern und Kommunen zu erfahren. Von besonderem Interesse ist für sie in Rheinland-Pfalz die mit der Einrichtung der Realschule Plus begonnene Umstrukturierung des Schulsystems zu einem sogenannten zweigliedrigen System unter Abschaffung der Hauptschule und die Auswirkungen dieser Reform auf die Übergänge in die berufliche Bildung. Die Abgeordneten trafen in ihren Gesprächen auf viel Engagement und Enthusiasmus.

Dennoch, so befürchtet Dr. Rosemarie Hein, besteht die Gefahr, dass unter dem Dach der Realschule Plus das alte dreigliedrige Schulsystem nur in größeren Schuleinheiten fortbesteht. Man habe erfahren, dass das Gymnasium und die Integrierten Gesamtschulen nach wie vor als die attraktiveren Schulen gelten. DIE LINKE plädiert darum, auch in Rheinland-Pfalz weiter für Gemeinschaftsschulen, die eine echte Alternative zum gegliederten Schulsystem wären.

Agnes Alpers kritisiert, dass die Debatte um fehlende Fachkräfte bundesweit eine hausgemachte sei. Sie fehlten heute vor allem darum, weil in den vergangenen Jahren Jugendliche zu schnell als nicht als nicht ausbildungsfähig abgestempelt worden seien. Vielmehr sei es nötig, Unternehmen für die Bereitstellung ausreichender Ausbildungsplätze mehr in die Pflicht zu nehmen.

Kathrin Senger-Schäfer stellte bei einem Besuch der Hausaufgabenhilfe im Spielhaus Hemshof in Ludwigshafen fest, dass es wichtiger sei, Schulen wieder in die Lage zu versetzen für alle Kinder eine gute Bildung zu garantieren, anstatt Bildungspakete zu packen, die dann bei den Betroffen möglicherweise nicht einmal ankommen.    

Die Abgeordneten sahen sich in ihrer Sorge bestätigt, dass mit der bisherigen Politik in Bund und Ländern soziale Ungerechtigkeiten beim Zugang zu Bildung nicht beseitigt werden können.

Heute und morgen wird der Besuch mit weiteren Gesprächen, unter anderem im Kultusministerium, fortgesetzt.

Mainz am 13.01.11